Das "Haus der Zukunft" in Tempelhof?
Bundesrechnungshof soll umstrittene Vermietung an Modemesse prüfen
Bundesregierung wurde erst nach Vertragsabschluss mit „Bread&Butter“ informiert
"Sei Poet, sei Prolet, sei Berlin"
Gerd Appenzeller, Chefredakteur beim "Tagesspiegel" zur Schließung und Nachnutzung
Berlin braucht keine Luxusklinik für Reiche - richtig! Berlin hat sie längst
Tempelhofer Feld wieder im Angebot auf der Mipim in Cannes
Junge-Reyer bietet erneut die 360 Hektar Ex-Flughafengelände zum Verkauf
Nachdem im März 2008 in Cannes das als "Sahnehäubchen" gepriesene Angebot "Flughafen Tempelhof" keinen Interessenten fand, soll es nun im Jahr 2010 erneut versucht werden.
So meldet es die FAZ vom 12.03.2010. "Die Mipim ist eine gute Gelegenheit, sich den internationalen Investoren zu präsentieren", wird Frau Junge-Reyer dort zitiert.
Wie verhält es sich das aber mit den vorangegangenen Planungen, Ausschreibungen, den vielen Millionen, die für die Internationale Gartenschau, die Vorbereitungen für die Internationale Bauausstellung und vieles andere mehr bereits ausgegeben wurden bzw. im Haushalt eingeplant werden? Das wird der Steuerzahler wohl nicht erfahren.
Interessant in diesem Zusammenhang sind die Recherchen, die die Akteure von "Reclaim Tempelhof" zusammengestellt haben. Unter http://de.indymedia.org/2010/03/274820.shtml finden sich detaillierte Hinweise auf die geplanten Aktivitäten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. In der Broschüre der Senatsverwaltung anlässlich der ILA-Bewerbung verkündet Frau Junge-Reyer:
"Die IGA 2017 wird ein Schlüsselprojekt für die künftige Entwicklung auf dem Tempelhofer Feld sein. Sie bietet die Chance, eine ohnehin erforderliche Entwicklung der Parklandschaft Tempelhofer Feld einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und den Standort Berlin noch grüner und attraktiver werden zu lassen.
Wir möchten Sie in unserer Bewerbung mitnehmen auf eine spannende Reise durch die IGA-Landschaft im Jahre 2017 und hoffen, Sie damit überzeugen und begeistern zu können."
Berlin hat den Zuschlag erhalten, denn es gab keinen Konkurrenten mehr. Nun will Frau Junge-Reyer aber doch wieder das Tempelhofer Feld Investoren andienen. Wie passt das alles zusammen? Was soll der Steuerzahler noch alles finanzieren?
112 Millionen für das Tempelhofer Feld
Die Internationale Gartenbauausstellung 2017 verändert Tempelhof und ganz Berlin
Planungen, Wettbewerbe, Bürgerbefragungen gehen weiter und noch ein Parklandschaftswettbewerb im Februar 2010
Was ist nun eigentlich los mit all den Projekten, Wettbewerben, Ausschreibungen und Befragungen in Sachen Nachnutzung für den Flughafen Tempelhof?
Nach heftiger Kritik unterschiedlicher Berliner Interessengruppen am Berliner Senat wegen fehlender Konzeptionen für die Nachnutzung des ehemaligen Flughafens Tempelhof kommt im Juli 2009 - acht Monate nach der Schließung des Flughafens - die Meldung, eine externe Trägergesellschaft soll nun
- klären, unter welchen Bedingungen das Gelände schrittweise für eine neue Nutzung geöffnet werden kann und
- Konzepte für die weitere Nutzung des Areals erarbeiten.
Für diese Aufgabe stehen vorerst ein Zeitraum von sechs Monaten und 700 000 EUR aus der Landeskasse zur Verfügung.
Bei der sog. "externen Trägergesellschaft" handelt es sich um die Adlershof Projekt GmbH, eine Tochter der landeseigenen Firma Wista, die den Wissenschaftsstandort und Technologiepark Adlershof entwickelt und betreibt. (Tagesspiegel vom 01.07.2009)
Ein Jahr zuvor hatte aber die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bereits die Bewerbung um die Ausrichtung des Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) 2017 abgegeben. Wie man sich das Tempelhofer Feld vorstellt, kann man sich in einem Video der Senatsverwaltung anschauen. Klicken Sie auf den Link: " Ein Park entsteht"
Interessant sind auch die diversen Unterstützer! Da finden sich die Bezirksämter Neukölln und Schöneberg-Tempelhof, die diversen landeseigenen Unternehmen - natürlich auch Adlershof Projekt GmbH - und neben den beiden Universitäten FU und TU diverse Gruppierungen aus dem Bereich Landschafts- und Gartenbau!
Nun hat das Land Berlin den Zuschlag für die Ausrichtung der IGA 2017 bekommen. Der einzige Mitbewerber, die Stadt Aachen, hatte aus finanziellen Gründen einen Rückzieher gemacht.
Wie der Tagesspiegel berichtet, sollen die Blütenträume 13,5 Millionen EUR kosten. Weitere 37 Mio. sollen "durch Eintrittsgelder, Vermietungen und Konzessionen auf dem IGA-Gelände sowie dem Verkauf von Merchandising-Artikeln finanziert werden." Das heißt, die Durchführung der IGA wird das Land Berlin 50.5 Mio. EUR kosten.
Da für die IGA aber nur 107 Hektar des Tempelhofer Feldes im nördlichen Bereich genutzt werden, sollen auf den südlich der Landebahnen verbleibenden rd. 143 Hektar noch einmal 61,5 Mio. EUR für einen weiteren Park, der Erweiterungskulisse für die IGA investiert werden.
Das Land Berlin stellt also für die Umgestaltung des Tempelhofer Feldes 112 Millionen EUR zur Verfügung. Und damit dieses Geld richtig investiert wird, wird im Frühjahr kommenden Jahres eine
"IGA-Berlin 2017 Durchführungsgesellschaft" gegründet.
Diese Informationen gab die Senatorin für Stadtentwicklung auf einer Pressekonferenz am 23.11.2009 bekannt. Zu der Bewerbung um die Ausrichtung einer Internationalen Bauausstellung - das Lieblingsprojekt der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher - und weitere bereits vorliegende Planungen zu den Randbebauungen wie Stadtquartier Tempelhof, Stadtquartier Neukölln und Columbia-Quartier war nichts zu erfahren. Nur die Ansiedlung der von Herrn Wowereit gewünschten Landesbibliothek werde von der Verwaltung "geprüft".
Das neue Spiel um die Nachnutzung
Vom Wiesenmeer mit und ohne Randbebauung über ein europäisches Umwelttechnologiezentrum, einen Vergnügungspark mit Rotlichteinlagen und anderen mehr oder weniger einfallsreichen Nutzungen des Flughafens Tempelhof wurde diskutiert. Frau Senatorin Junge-Reyer und ihre Senatsbaudirektorin Frau Lüscher haben sich sehr um Lösungen bemüht. Doch einer brachte dann die Lösung! Unser Regierender Bürgermeister!
Hatten Sie sich etwa an den vielen Aufrufen zur Mitgestaltung beteiligt, etwa bei der Online-Befragung oder gar am „Call for Ideas“? Ärgern Sie sich nicht! Sehen Sie es sportlich oder spielerisch! Hier finden Sie das neue „Mensch ärgere Dich nicht“- Spiel. Viel Spaß dabei! Sollten Sie Details wünschen, schauen Sie auf dieser Seite nach!
Ach so, ja, es wurden nur die wesentlichen Vorschläge und Ideen ausgewählt. Für alle hätte der Platz nicht gereicht!
Für eine Modemesse müssen solide Firmen weichen - Tempelhof-Mieter erhielten Kündigungen
Bread&Butter heißt die Lösung für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit!
Für zwei Monate im Jahr werden rd. 60.000 qm Fläche des Flughafens Tempelhof, das sind die Haupthalle, alle Hangars und das Vorfeld vermietet - und das für zehn Jahre mit einer Option für weitere zehn Jahre.
Vergessen sind die diversen Wettbewerbe, zuletzt der "Call for Ideas", für den insgesamt 61 vollständige Projektvorschläge eingereicht worden sind - nachzulesen auf der Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Doch dann war alles umsonst, der Vertrag mit Bread&Butter wurde geschlossen. Aber keiner weiß genau mit welcher Bread&Butter-Firma: mit der Bread&Butter-Holding? Oder mit einem der Tochterunternehmen "Bread&Butter Real Estate" oder "Bread&Butter Berlin GmbH"? Der "Tagesspiegel" vermutet, dass die Holding der Vertragspartner ist, denn die beiden Tochterunternehmen sind nach den Bilanzen von 2007 überschuldet. Und der Europolitan schreibt im Januar 2007 auch nicht gerade Vielversprechendes über die Modemesse "Bread&Butter".
Dafür müssen alt eingesessene und bewährte Firmen wie die LTI Worldwide Express GmbH , über die auf der Website von Berlin Partner GmbH, deren Aufsichtsratvorsitzender Wirtschaftsenator Harald Wolf ist, zu lesen steht:
"Mit LTI Worldwide Express hat Berlin einen erstklassigen und kompetenten weltweiten Kurierdienst und Spezialtransporteur für knifflige Aufgaben in einem, genau im Zentrum von Berlin."
Am 23.12.2008 erhielt die Firma per Boten die Kündigung zum 30.03.2009. Die Firma ist seit 14 Jahren in Tempelhof ansässig!
Ein anderes Beispiel: Hangar 2, das ist die Event Center Tempelhof (ECT) Airport GmbH, die bereits seit dem Jahr 2000 diverse Veranstaltungen nach Tempelhof geholt hat, darunter auch die "ADC Award Show" im April 2009. Dieses Ereignis holt die Spitzengruppe der Kreativwirtschaft nach Berlin.
Geschäftsführer Andreas Grunszky, der im Jahr 2003 zusätzlich den Hangar 1 mieten wollte, hatte sich ebenfalls beim "Call for Ideas" beworben. Zur Verdeutlichung des wirtschaftlichen Nutzens seines Unternehmens für Berlin hat er eine Studie durch die Unternehmensberatung ghh consult in Auftrag gegeben. Danach haben im Jahr 2007 die 63 Veranstaltungen der ECT 73.000 Personen nach Tempelhof geholt. Durch ihren Aufenthalt in Berlin konnte ein Gesamterlös von 48.9 Millionen Euro in Hotellerie, Transportwesen und Einzelhandel erwirtschaftet werden. Nun droht das Aus. Das Unternehmen benötigt den Hangar 2 zwölf Monate im Jahr, nicht nur zehn! (Berliner Morgenpost)
Auch der Glaserei Glück&Franke, die seit über 20 Jahren einen Hangar nutzt, erhielt die Kündigung.
Kann man für einen derartig langen Zeitraum auf eine Modemesse setzen und dabei auf solvente Mieter verzichten? Wer hätte noch im vergangenen Jahr gedacht, dass die Computermesse Cebit ein Viertel ihrer Aussteller verlieren wird. So meldet es aber der Veranstalter, die Deutsche Messe AG (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.02.2009, S. 9)
Was wird nun aus dem Flughafen Tempelhof?
Seit Ende der 90-iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts werden Planungen für die Nachnutzung des Flughafen Tempelhofs vorgestellt. Dabei muss berücksichtigt werden, dass es sich zum einen um das Flughafengebäude und zum anderen um das 386 ha große Flugfeld handelt, deren Nutzungsmöglichkeiten aus unterschiedlichen Gründen belastet sind. So sind die Bereiche der Landebahnen kerosinbelastet. Es ist auch bekannt, dass nach der Übernahme des Flughafens durch die Amerikaner bei den Aufräumarbeiten Metall- und andere Abfälle auf den Freiflächen vergraben worden sind.
Das Flughafengebäude:
Dabei handelt es sich um das drittgrößte Gebäude der Welt mit einer Nutzfläche von 284 000 Quadratmeter. Es gliedert sich in diverse Bauteile mit unterschiedlichen Funktionen wie z.B. Hangars oder Verwaltungsgebäude.
Das gesamte Ensemble steht unter Denkmalschutz. Die Aussagen über den baulichen Zustand sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von den sich im Rohbau befindlichen Treppentürmen über stark abgenutzte Büroräume bis zu der Beschreibung:
„Die Bausubstanz ist durch kontinuierliche Pflege in einem brauchbaren Zustand ohne schwerwiegende konstruktive Mängel. Jedoch lässt der umfangreiche Leerstand einen zunehmenden Instandhaltungsrückstau entstehen. Große Teile des im Zuge von Umbauten eingebrachten Nutzerausbaus bedürfen umfänglicher Erneuerung.“
Aus: Baufachliche Einschätzung aus dem Projektaufruf Tempelhof der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.
www.projektaufruf-tempelhof.de
Das Flugfeld:
Das Flugfeld – auch als Tempelhofer Feld oder Tempelhofer Freiheit in den diversen Planungen bezeichnet – ist mit Altlasten in unbekanntem Umfang behaftet. Das betrifft nicht nur die Rollbahnen, sondern auch vergrabenen Schutt und Müll in unbekannter Zusammensetzung und Menge.
Das Flugfeld hat aber auch eine wichtige klimatische Funktion. Die Flurwinde, die über die riesige Freifläche streichen, kühlen das Klima in den heißen Sommernächten beträchtlich ab. Mehr dazu kann man auf der Website der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nachlesen.
Auf dem Flugfeld hat sich auch die unter Naturschutz stehende Feldlerche angesiedelt. Als Bodenbrüter wird ihr Lebensraum bei einer anderen Nutzung des Flugfeldes zerstört werden.
Bis heute ist unklar, wie Gebäude und Gelände in Zukunft genutzt werden sollen. Fast täglich erscheinen neue Vorschläge. Zur Zeit laufen zwei Wettbewerbe:
Die „Prozessuale Stadtentwicklung Tempelhofer Feld – Columbiaquartier“ und „Projektaufruf – Flughafengebäude Tempelhof“.
Die Planungen der Vergangenheit finden Sie in tabellarischer Übersicht hier.
Sie finden aber auch eine Tabelle, die die verhinderten Nutzungsangebote verschiedener Investoren aufzeigt.
Dazu noch ein Hinweis: Als die amerikanischen Investoren Lauder und Lauchhammer ihr Angebot zur Errichtung eines internationalen Gesundheits- und Tageszentrums unterbreiteten, wurde es u.a. mit den Worten „Den reichen Onkel aus Amerika brauchen wir nicht“ und „Wir brauchen keine Klinik nur für Reiche“ abgelehnt. Aber die „Klinik nur für Reiche“ haben wir bereits: In der Berliner Charité, Campus Virchow Klinikum. Unter www.charite.de finden Sie die exklusiven Angebote für Internationale Patienten . Die Informationen zu diesem Service werden in den Sprachen: Deutsch, Englisch, Russisch und Arabisch angeboten.

Wer irrt sich hier?
Der Berliner Senat, der
- trotz langer Jahre Planungszeit und mehrfacher Schließungstermine noch immer kein Konzept für die Nutzung des Flughafens Tempelhof hat?
- trotz des Vermarktungsversuches auf der Internationalen Immobilienmesse in Cannes im Frühjahr 2008 immer noch nach Investoren sucht, obwohl das Land Berlin die Anteile der Bundesregierung am Flughafen Tempelhof erst noch käuflich erwerben muss?
- trotz ausreichender Vorbereitungszeit noch kein Baurecht für das Flughafengelände beantragt hat, was ca. 4 Jahre in Anspruch nehmen wird?
Die Bundesregierung, die
- als Miteigentümerin verschiedene Versuche machte, den Flughafen bis zur Inbetriebnahme von BBI offen zu halten?
- nach den Verhandlungen zur Hauptstadtfinanzierung und der Sondervereinbarung über den Verkauf der Anteile am Flughafen im Herbst 2007 Gewinn aus der Nachnutzung des Flughafengeländes zu erwirtschaften glaubt?
Die Berliner Steuerzahler, die
- sich über den Abschied vom Millionengrab Flughafen Tempelhof und auf ein riesiges Wiesenmeer oder einen Softballplatz oder Golfplatz gefreut haben?
- glaubten, eine „Klinik nur für Reiche“ wäre für Berlin nicht notwendig, obwohl eine derartige Klinik längst vorhanden ist?
- Die vielen Berliner und Berlinerinnen, die am Online-Wettbewerb der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung teilgenommen, viele Ideen und viel Zeit eingesetzt haben und nun feststellen, dass es neue Wettbewerbe gibt, an denen sie nicht mehr beteiligt sind?


